Wer 30 Stunden bezahlt, darf keine 40 Stunden Verantwortung erwarten
Warum Teilzeit für Mütter in Führung oft nicht hält, was sie verspricht
Sie hetzt um Punkt 15 Uhr aus der Arbeit. Die Mittagspause hat sie wieder ausgelassen, dabei weiß sie, dass sie die eigentlich auch zum Netzwerken nutzen müsste. Aber anders waren die Aufgaben bis 15 Uhr nicht zu schaffen. Um 16 Uhr ist der Arzttermin, auf den sie seit Wochen gewartet hat. Um 18 Uhr beginnt der Elternabend. Heute Morgen hat ihr Mann die Kleine gebracht.
Nach außen funktioniert das ziemlich gut. Die Ergebnisse im Job stimmen. Die Kinder werden zu ihren Hobbys gebracht, alle wichtigen Termine werden wahrgenommen. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Klar, sie wirkt ein wenig gestresst. Aber das gehört wohl einfach dazu, wenn man Beruf und Kinder miteinander verbinden will.
Auf dem Papier arbeitet sie 30 Stunden. In ihrem Kopf trägt sie 40 Stunden Verantwortung. Und die Lücke dazwischen schließt sie jeden Tag selbst.
Was die Zahlen zeigen
Erwerbstätige Mütter mit Kindern im Haushalt verbringen durchschnittlich 36 Stunden und 42 Minuten pro Woche mit unbezahlter Arbeit. Bei Müttern mit Kindern unter sechs Jahren sind es sogar 44 Stunden und 33 Minuten.
Quelle: WSI GenderDatenPortal 2024, Datengrundlage: Zeitverwendungserhebung 2022 des Statistischen Bundesamtes
Das sind keine Randnotizen. Das ist eine zweite Vollzeitstelle, die niemand als solche bezeichnet, weil sie nicht in einem Vertrag steht.
Interessant ist dabei weniger die Zahl selbst als das, was sie über die Struktur verrät. Die Differenz in der Gesamtarbeitszeit zwischen Müttern und Vätern entsteht nicht in erster Linie in der Erwerbsarbeit. Sie entsteht in dem Bereich, für den es keine Stundenerfassung gibt, keine Zielvereinbarung und keine Vertretungsregelung. Care- und Hausarbeit hat keinen Feierabend und keine Urlaubsvertretung.
Wenn eine Frau also ihre Erwerbsarbeitszeit reduziert, reduziert sie nicht ihre Arbeit. Sie verschiebt nur, welcher Teil davon bezahlt wird.
Das eigentliche Problem: Die Stunden gehen runter, die Rolle bleibt
Nach der Elternzeit reduzieren viele Mütter ihre Arbeitszeit. Von 40 auf 30 Stunden, manchmal auf 32, manchmal auf 25. Der Vertrag wird angepasst, das Gehalt wird angepasst, die Arbeitszeit wird angepasst.
Was in den allermeisten Fällen nicht angepasst wird: die Rolle.
Das Projekt, das sie vor der Elternzeit verantwortet hat, verantwortet sie danach weiter. Das Team, das sie geführt hat, führt sie weiter. Die Erwartung, dass sie in relevanten Runden mitdenkt, mitentscheidet und erreichbar ist, bleibt bestehen. Reduziert wurde die Zeit. Nicht die Verantwortung.
Ich habe zwölf Jahre in Führung und HR gearbeitet und Stundenreduktionen von beiden Seiten des Tisches begleitet. Was ich dabei fast nie erlebt habe, ist der Moment, in dem eine Führungskraft sich hinsetzt und ernsthaft fragt: Welche dieser Aufgaben fällt jetzt weg? Wer übernimmt sie stattdessen? Was streichen wir aus dieser Rolle, damit sie in 30 Stunden passt?
Stattdessen passiert etwas anderes. Die Rolle bleibt, wie sie ist, und man vertraut darauf, dass sie das schon hinbekommt. Und meistens bekommt sie es hin. Genau das ist das Problem.
Denn sie schließt die Lücke mit den Mitteln, die ihr bleiben. Sie arbeitet schneller. Sie lässt Pausen weg. Sie verzichtet auf informelle Gespräche, auf Netzwerken, auf die Kaffeeküche, also genau auf die Dinge, aus denen später Sichtbarkeit und nächste Karriereschritte entstehen. Und im Zweifel nutzt sie den Abend, um aufzuholen, was tagsüber liegen geblieben ist.
Von außen sieht das nach einer funktionierenden Teilzeitlösung aus. Von innen ist es eine Vollzeitstelle mit Teilzeitgehalt.
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Warum sich viele Frauen bewusst gegen Teilzeit entscheiden
Viele Frauen, die ich kenne, entscheiden sich genau deshalb ganz bewusst gegen Teilzeit. Das wird von außen oft als Ehrgeiz gelesen oder als mangelnde Bereitschaft, kürzerzutreten. In Wahrheit ist es eine nüchterne Rechnung.
Sie sind nicht bereit, auf Gehalt zu verzichten, während Aufgaben, Verantwortung und Erreichbarkeit nahezu unverändert bleiben. Sie haben gesehen, was Kolleginnen passiert ist. Sie fragen sich zu Recht, ob ihre Position überhaupt in 30 Stunden möglich wäre. Ob ihre Grenzen wirklich akzeptiert würden. Oder ob sie am Ende nur auf dem Papier weniger arbeiten und dafür auch noch weniger verdienen.
Das ist keine Angst vor Teilzeit. Das ist Misstrauen gegenüber einem Versprechen, das in der Praxis oft nicht eingelöst wird.
Und dieses Misstrauen ist teuer. Für die Frauen, die in Vollzeit bleiben, obwohl sie es gerade nicht wollen. Und für Unternehmen, die sich wundern, warum ihre Teilzeitangebote so wenig angenommen werden.
Was sich ändern müsste
Teilzeit braucht Aufgaben, Verantwortung und Erwartungen, die zur vereinbarten Arbeitszeit passen. Das klingt banal, ist in der Praxis aber eine echte Führungsaufgabe. Und sie lässt sich nicht delegieren an die Person, die reduziert.
Konkret heißt das:
Die Rolle wird neu geschnitten, nicht nur die Stundenzahl. Vor der Reduktion wird schriftlich festgehalten, welche Aufgaben bleiben, welche wegfallen und wer sie übernimmt. Ohne diesen Schritt bleibt die Verantwortung implizit bei ihr hängen.
Erreichbarkeit wird explizit geklärt. Nicht als Erwartung im Raum, sondern als Vereinbarung. Wann ist sie erreichbar, wann nicht, und was passiert in der Zwischenzeit.
Der Maßstab wandert mit der Rolle. Bewertet wird die Leistung in der neu zugeschnittenen Rolle, nicht die alte Vollzeitrolle mit weniger Stunden. In ihrer reduzierten Rolle liefert sie volle Leistung. Gemessen wird sie aber oft noch an dem Aufgabenumfang, den sie vor der Elternzeit hatte. Dann kann sie nur verlieren.
Sichtbarkeit wird aktiv mitgedacht. Wenn relevante Runden regelmäßig um 16 Uhr stattfinden, ist die Teilzeitkraft strukturell ausgeschlossen. Das ist eine Terminfrage, keine Charakterfrage.
Und was das mit Führung zu tun hat
Es gibt aber noch eine zweite Ebene, und die betrifft nicht den Arbeitgeber, sondern uns selbst.
Viele Mütter in Führung schließen die Lücke zwischen Stunden und Verantwortung deshalb so zuverlässig, weil sie es gewohnt sind, zu liefern. Sie haben Führung gelernt, bevor sie Mutter wurden. Immer verfügbar, immer im Detail, immer einen Schritt voraus. Dieser Stil hat sie dorthin gebracht, wo sie heute sind. Und genau dieser Stil funktioniert mit Kindern nicht mehr, ohne dass sie ihn mit Substanz bezahlen.
Der Punkt ist nicht, dass sie weniger leisten müssten. Der Punkt ist, dass sich ihre Art zu führen verändern darf. Delegieren statt kontrollieren. Prioritäten setzen statt alles auffangen. Präsenz durch Klarheit ersetzen statt durch Anwesenheit.
Mutterschaft schärft genau diese Fähigkeiten. Priorisierung unter Zeitdruck, Entscheidungen mit unvollständigen Informationen, Empathie für unterschiedliche Bedürfnisse, das Aushalten von Unfertigem. Das sind Führungskompetenzen. Sie werden nur selten so genannt.
Solange eine Frau ihren alten Führungsstil in ein neues Leben pressen will, wird sie die Lücke immer mit sich selbst füllen. Egal, wie fair ihr Arbeitsvertrag formuliert ist.
Fazit
Ich bin absolut pro Teilzeit. Ich setze mich dafür ein. Aber dann müssen die Rahmenbedingungen stimmen.
Wer 30 Stunden bezahlt, darf keine 40 Stunden Verantwortung erwarten. Das ist die Verantwortung der Unternehmen.
Und die zweite Hälfte liegt bei uns: zu erkennen, wo wir Erwartungen erfüllen, die längst niemand mehr laut ausgesprochen hat.
Wenn du merkst, dass Sie die Lücke zwischen den Stunden und deiner Verantwortung jeden Tag selbst schließen, lassen Sie uns darüber sprechen. In einem kostenlosen Klarheitsgespräch schauen wir gemeinsam darauf, was sich verändern lässt. Bei deiner Rolle und deiner Art zu führen.