Mikropolitik im Unternehmen: Wenn Mütter in Teilzeit wichtige Gespräche verpassen

„Ich bin halt nie da, wenn die wichtigen Gespräche an der Kaffeemaschine stattfinden.“

Das sagte mir letzte Woche eine Mutter, die in Teilzeit arbeitet.

Die Kolleg:innen gehen nach einem langen Termin noch spontan etwas essen. Nach dem Meeting bleiben ein paar Leute zusammenstehen und besprechen genau das Thema weiter, um das es gerade ging. Beim Kaffee fällt der Satz: „Wir brauchen noch jemanden für das neue Projekt.“

Und du musst los, weil die Kita schließt, dein Kind abgeholt werden muss und der Nachmittag längst durchgetaktet ist.

Du hast deine Arbeit gemacht, dich eingebracht und Verantwortung übernommen. Trotzdem verpasst du etwas, das für deinen weiteren beruflichen Weg wichtig werden kann.

Genau hier lohnt sich ein Blick auf Mikropolitik im Unternehmen. Auf die Frage, wie Einfluss entsteht, wer Zugang zu Informationen hat und wer bei der nächsten beruflichen Chance mitgedacht wird.

Was bedeutet Mikropolitik im Unternehmen?

Mikropolitik beschreibt, wie Menschen innerhalb einer Organisation Einfluss aufbauen und nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen. Dazu gehören Beziehungen, Bündnisse und der Umgang mit Informationen. Auch die Frage, wie jemand die eigene Arbeit sichtbar macht, spielt dabei eine Rolle. Die Forschung der Universität Hamburg beschäftigt sich ausdrücklich mit diesen Zusammenhängen und ihrer Bedeutung für den Aufstieg von Frauen. [1]

Im Alltag kann das heißen: Jemand spricht vor einer Entscheidung mit den richtigen Personen, gewinnt Unterstützung für eine Idee oder bringt den Namen einer Kollegin für ein neues Projekt ins Gespräch.

Ein Gespräch an der Kaffeemaschine ist für sich genommen noch keine Mikropolitik. Aber es kann der Moment sein, in dem Unterstützung organisiert, eine Besetzung vorbereitet oder eine Entscheidung beeinflusst wird.

Und dann hat dieses Gespräch Auswirkungen, obwohl es in keinem Kalender steht.

Was zeigt die Studie zu Mutterschaft und beruflichen Aufgaben?

Die Studie „The Job Task Penalty for Motherhood“ von Wiebke Schulz und Gundula Zoch untersucht, wie sich berufliche Tätigkeiten nach der Geburt eines Kindes verändern. Die Forscherinnen der Universitäten Bremen und Oldenburg werteten dafür Daten von 1.978 Frauen aus dem Nationalen Bildungspanel von 2011 bis 2020 aus. [2]

Ihr Befund: Nach einer Geburt nehmen analytische, komplexe und interaktive Tätigkeiten im Durchschnitt ab. Dazu gehören etwa anspruchsvolle Analyseaufgaben, das Lösen unvorhergesehener Probleme sowie Beratung und Koordination. Besonders ausgeprägt sind die Veränderungen bei Müttern, die ihre Arbeitszeit reduzieren. Bei gleichbleibender Arbeitszeit verändert sich das Aufgabenprofil kaum. [2]

Die Autorinnen sehen darin vor allem Hinweise auf die Bedeutung von Vereinbarkeitsbelastungen. Die Untersuchung bezieht sich auf erwerbstätige Frauen allgemein, nicht speziell auf Mütter in Führungspositionen. Sie misst auch nicht direkt, welche Rolle informelle Netzwerke oder verpasste Gespräche spielen. [2]

Für mich wirft sie deshalb eine weitere Frage auf: Wie verteilen Unternehmen anspruchsvolle Aufgaben, wenn eine Mutter weniger Stunden arbeitet? Und welchen Einfluss hat dabei, ob sie in den entscheidenden Momenten präsent ist?

Wie können Mütter in Teilzeit beruflich aus dem Blick geraten?

Manchmal passiert das ganz bewusst.

Müttern wird weniger zugetraut. Teilzeit wird mit weniger Ambition gleichgesetzt. Ein anspruchsvolles Projekt wird gar nicht erst angeboten, weil schon vorher angenommen wird, dass es zeitlich sowieso nicht passen wird.

Dann entscheidet jemand über deine berufliche Entwicklung, ohne mit dir gesprochen zu haben.

Und dann gibt es die weniger offensichtliche Ebene.

Vieles in Unternehmen läuft über Beziehungen, über Sichtbarkeit und darüber, an wen jemand gerade denkt. Wer hat zuletzt eine gute Idee eingebracht? Mit wem hat die Führungskraft gestern noch über das Thema gesprochen? Wer weiß bereits, dass ein neues Projekt geplant ist?

Wenn du bei solchen Gesprächen seltener dabei bist, kann es passieren, dass du Informationen später bekommst. Dass andere ihr Interesse längst signalisiert haben. Oder dass dein Name bei der Besetzung gar nicht fällt.

Das ist meine Einordnung der möglichen betrieblichen Abläufe, kein Ergebnis der Studie zu informellen Netzwerken. Aber genau diese Ebene sollten wir aus meiner Sicht mitdenken, wenn wir über Karriere in Teilzeit sprechen.

Denn von außen sieht es schnell so aus, als hätte sich eine Frau beruflich zurückgenommen. Dabei wurde sie bei der nächsten Aufgabe möglicherweise gar nicht gefragt.

Warum betrifft das auch Mütter in Führung?

Eine Führungsposition schützt dich nicht davor, bei wichtigen Gesprächen zu fehlen.

Du führst dein Team, triffst Entscheidungen und hältst deinen Bereich zusammen. Gleichzeitig werden auf der Ebene darüber neue Zuständigkeiten besprochen. Eine Kollegin wird für ein bereichsübergreifendes Projekt vorgeschlagen. Ein Kollege bekommt früh mit, dass eine Position frei werden könnte.

Du erfährst davon, wenn schon vieles feststeht.

Das kann verunsichern. Vor der Elternzeit warst du selbstverständlich eingebunden. Jetzt fragst du dich, ob du weniger wichtig geworden bist oder ob dir etwas fehlt.

Ich finde es wichtig, an dieser Stelle genauer hinzuschauen. Hat sich verändert, was du beruflich möchtest? Oder hat sich verändert, welchen Zugang du zu Informationen, Unterstützung und neuen Aufgaben hast?

Das sind unterschiedliche Fragen. Und sie brauchen unterschiedliche Antworten.

Wie kannst du in Teilzeit sichtbar bleiben?

Wenn deine Zeit begrenzt ist, lohnt sich die Frage, welche Gespräche für deinen beruflichen Weg besonders wichtig sind. Mit wem möchtest du regelmäßig im Austausch sein? Wer sollte wissen, was du beitragen kannst und welche Verantwortung du übernehmen möchtest?

Drei Ansatzpunkte können helfen:

Sprich aus, welche Aufgaben dich interessieren.

Verlass dich nicht darauf, dass deine Führungskraft deine Ambitionen noch genauso einschätzt wie vor der Elternzeit. Du kannst zum Beispiel sagen: „Ich möchte weiterhin anspruchsvolle Projekte übernehmen. Bitte sprich mit mir über passende Aufgaben, auch wenn ich in Teilzeit arbeite.“

Plane Austausch innerhalb deiner Arbeitszeit ein.

Ein regelmäßiges Gespräch mit deiner Führungskraft oder einer wichtigen Schnittstelle kann helfen, Entwicklungen früh mitzubekommen. Dafür braucht es einen Platz im Kalender. Wenn Austausch immer erst nach der eigentlichen Arbeit stattfindet, wird er für dich schwer erreichbar.

Mach deinen Beitrag konkret.

Welche Entscheidung hast du vorangebracht? Welches Problem gelöst? Was läuft durch deine Arbeit besser? Solche Ergebnisse gehören in Gespräche über deine Rolle und deine weitere Entwicklung.

Diese Schritte können deinen Handlungsspielraum vergrößern. Wie viel sie bewirken, hängt auch davon ab, ob dein Unternehmen dir tatsächlich Zugang zu Verantwortung und Entwicklung ermöglicht.

Was können Unternehmen und Führungskräfte verändern?

Wenn anspruchsvolle Aufgaben regelmäßig an diejenigen gehen, die am längsten bleiben können, sollten Unternehmen ihre Vergabe hinterfragen.

Für Führungskräfte heißt das aus meiner Sicht:

  • Interesse an Projekten aktiv erfragen, auch bei Mitarbeitenden in Teilzeit.

  • Anforderungen und Auswahlkriterien für neue Aufgaben offenlegen.

  • Wichtige Informationen aus informellen Gesprächen für alle Beteiligten zugänglich machen.

  • Entscheidungen in vereinbarten Besprechungen treffen und nachvollziehbar festhalten.

  • Entwicklungs- und Beziehungsgespräche innerhalb der Arbeitszeit ermöglichen.

Beim Wiedereinstieg sollte deshalb auch besprochen werden, welche anspruchsvollen Aufgaben erhalten bleiben und wie die Mutter weiterhin in relevante Gespräche eingebunden wird.

Gleichzeitig muss der Umfang der Verantwortung zur Arbeitszeit passen. Dazu habe ich im Artikel „Wer 30 Stunden bezahlt, darf keine 40 Stunden Verantwortung erwarten“ geschrieben.

Auch die Frage, wie Präsenz bewertet wird, gehört dazu. Weitere Gedanken findest du in meinem Artikel „Homeoffice war ihre Lösung. Jetzt heißt es Back to Office.“.

Welche Gespräche brauchst du für deinen nächsten Schritt?

Der Satz von der Kaffeemaschine beschreibt für mich etwas, das beim Wiedereinstieg leicht übersehen wird.

Eine Frau kann zurück in ihrem Job sein und trotzdem den Anschluss an Gespräche verlieren, die ihre berufliche Entwicklung beeinflussen. Deshalb sollten wir neben Stunden und Aufgaben auch über Sichtbarkeit, Beziehungen und Einfluss sprechen.

Welche Informationen erreichen dich zu spät? Wer kennt deine beruflichen Ziele? Und welches Gespräch möchtest du anstoßen, damit du bei der nächsten Aufgabe wieder mitgedacht wirst?

Wenn du merkst, dass du nach der Elternzeit beruflich aus dem Blick geraten bist, begleite ich dich dabei, deine Situation zu sortieren und konkrete nächste Schritte zu entwickeln. Buch dir gerne ein kostenloses Klarheitsgespräch.

Quellen

  1. Universität Hamburg: Mikropolitik und Aufstiegskompetenz von Frauen.

  2. Schulz, W., & Zoch, G.: The Job Task Penalty for Motherhood. Journal of Marriage and Family. Online veröffentlicht 2025; Ausgabe 2026, 88, 697–708. Der Originaltext wurde über die öffentlich zugängliche Verlagsfassung auf ResearchGate geprüft. Ergänzend: Mitteilung der Universität Bremen vom 11. März 2026.

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